Eine Puppe ist geboren

Wv 376 "Eine Puppe ist geboren"

Wv 376 „Eine Puppe ist geboren“

Der Mann wirkte alt, mehr dem Aussehen als seinen Jahren nach. Er war Handwerker, wohl Tischler, aber ohne große Begabung und Ehrgeiz und verdiente gerade genug zum Leben. Solange er jung war, lebte er in den Tag hinein, aber mit den Jahren kam ein unbestimmter Wunsch, etwas zu tun, zu wollen. Es dauerte lange, bis dieser Wunsch Gestalt angenommen hatte, die Gestalt eines Kindes: wenn es regnete, wäre er mit ihm gemütlich zu Hause, wenn ihn der Rücken schmerzte, würde er um des Kindes willen nicht klagen, wenn er zu wenig verdiente, würde er sich für das Kind durch zusätzliche Arbeiten anstrengen, wenn er trinken wollte, würde er es dem Kind zuliebe unterlassen. Denn er trank, er war fast ein Säufer.

Seine Frau war zehn Jahre jünger, klein und zierlich, aber mit harten Gesichtszügen. Sie erfüllte ihre Hausfrauenpflichten ohne innere Anteilnahme. Liebte sie ihn? Was ist Liebe? Wenn Liebe Mitleid ist, dann liebte sie ihn. Es schmerzte sie, daß er litt, und sie wollte ihm helfen, aber seinen Herzens-wunsch konnte sie nicht erfüllen, sie konnte ihm kein Kind schenken. Zu gern hätte sie ein Kind gehabt, nur seinetwegen, nicht aus Muttergefühlen, aber es blieb ihr versagt.

So lebten sie neben- und gegeneinander. Zu Streiten fehlte ihnen das Temperament. Nur wenn die Rede auf Kindergebären kam, wurde das Gesicht der Frau dunkel, sie wußte, daß er sich jetz betrinken und dann zusammengesunken mit traurigen, feuchten Augen am Tisch sitzen würde. Weihnachten war die schlimmste Zeit. Da hörte er nicht auf zu trinken, und die Traurigkeit wurde unerträglich. Der Gedanke an die heilige Geburt stimmte sie am traurigsten.

Einige Tage vor einem Weihnachtsfest hatte die Frau ein Mädchen mit einer Puppe im Arm gesehen. Sie spielte Mutter, tief ins Spiel versunken, mit echtem Gefühl. Am Heiligen Abend saß der Mann am Tisch schon im Zustand fortgeschrittener Trunkenheit. Da kam seine Frau mit einer großen Puppe im Arm herein. Sie sagte: „Das ist unser Kind.“ Er sah auch die Puppe mit großen Augen, sagte kein Wort und fing an zu weinen. Dann murmelte er leise; „Unsere Puppe ist geboren“ und weinte weiter.

Seitdem holt seine Frau jede Weihnachten die Puppe aus dem Schrank, und beide sind Eltern, fast echte Elten. Sie warten dann schon auf das Weihnachtsfest, zählen die Tage bis dahin, überlegen Geschenke, gehen auch in Kaufhäuser, aber kaufen nichts. Am Heiligabend, wenn bei anderen die Bescherung ist, nehmen sie die Puppe in den Arm und sitzen lange zusammen am Tisch.

Video – Portrait

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