Wv 258 "Die Rache"

Wv 258 „Die Rache“

Conventillo in San Telmo: Viele fensterlose Räume um einen Patio. In jedem Raum lebt eine mehrköpfige Familie.

Sie saßen alle halbnackt im Patio und waren mit ihrem Mate beschäftigt, als der Maler Garcia einzog. Mit Bart, Würde und ohne Gruß ging er an ihnen vorbei. Mehrer schwere Kisten, Bett, Sessel und Staffelei wurden von zwei starken Changadores in das hinterste Kämmerchen geschleppt.

Nun lebte er dort schon mehrer Monate, der Maler Garcia, und hatte immer noch kein Wort mit den anderen gesprochen, nicht einmal die hübschen Mädchen hatte er mit einem Piropo beglückt. „Aber vielleicht malt er Heilige und ist gar nicht auf dieser Erde. Vielleicht meidet er deshalb so auffällig jede Begegnung mit Hunden. Hunde sind unreine Tier, sie dürfen auch nicht in die Kirche“, meinte der alte Don José, und alle hatten dafür Verständnis.

Einmal als Garcia verschwunden war, gingen sie in sein Zimmer. sie wollten die Heiligen sehen. Behutsam drehten sie die zur Wand gestellten Bilder um „Embustero! Nur Vierecke, Punkte und Linien! Ganz wie Matilde in der Schule zeichnen muß! Nos la pagará!“

Am Abend, als Garcia zurückkam, war die Stimmung gespannt. Alle glotzten ihn an. Auch die Hunde knurrten drohend. Die Menschen sah Garcia überhaupt nicht, aber vor den Hunden fürchtete er sich. Das konnte man sehen. „Er hat Angst vor Hunden“, sagte die halbwüchsige Matilde, „was für eine Schande.“ Und alle lachten. Garcia schlüpfte in seine Kammer.

Wieder vergingen Wochen. Garcia war wie am ersten Tag: Er trug die spitzen, glänzenden Schuhe, den dunklen Anzug, und sein Bart war gekämmt, auch wenn es heiß und schwül war wie an diesem Sonntagnachmittag.

Sie saßen alle in Schweiß gebadet und beobachteten, wie Garcia sich zum Ausgehen vorbereitete. Zuerst wurde der Anzug gebürstet und auf einen Stuhl vor der Tür gehängt. Die Schuhe wurden geputzt, und dann ging Garcia durch den Patio zum Wasserbecken, um sich zu waschen. In diesem Augenblick kam die läufige Hündin Chiquita aus einem Zimmer, um den Anzug von Garcia zu beschnuppern. Da griff Don José die Hündin, um sie wieder einzusperren, ehe die Rüden sie bemerken konnten. Gott weiß, ob gewollt oder nicht- jedenfalls streifte er dabei mit Chiquita die Hosen von Garcia, der eben zurückgekommen war und seinen Anzug nahm.

Chiquita wurde gerade noch rechtzeitig weggeschafft, aber alle Rüden, große und kleine und auch die aus der Nachbarschaft, hatten sich bald nicht weit von Garcias Tür versammelt. Als er aus seinem Zimmer kam, entdeckten die Hunde den beglückenden Geruch an seiner Hose. Alle sprangen sie auf ihn zu. Garcia beeilte sich, die Hunde auch. Er lief, und die Hunde liefen auch. Er schrie und rannte, und hinter ihm her die Hunde.

Er kam nie wieder zurück.

Video – Portrait

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