Rede Dr. Roland Held

held_1_500Friedhof Gundernhausen, 14.V.09

Es sind heute biblische vierzig Tage her, da wurden wir alle, sehr geehrte Trauergemeinde, bei unserer Morgenlektüre des Darmstädter Echo wachgerüttelt von einer Todesanzeige folgenden Wortlauts: ESTEBAN FEKETE, 11.August 1924 – 29.März 2009. Er hat ein faszinierendes, an Höhen und Tiefen reiches Leben beenden dürfen. In seinen Bildern wird er weiter leben.“ Ob es dem Künstler wohl recht wäre, daß einem Vertreter quasi der gegnerischen Fraktion, nämlich einem Kunstkritiker, die ehrenvolle, wiewohl nicht ganz leichte Aufgabe zufällt, ihm eine Rede als Nachruf hinterherzuschicken? Warum sage ich: nicht ganz leicht? Habe ich sein Schaffen doch über Jahrzehnte verfolgt, waren wir doch sogar lange befreundet! Aber es geht heute nicht ums alltägliche kunstkritische Handwerk der Beschreibung und Analyse von Einzelbildern, sondern um eine Rück- und Zusammenschau, es geht um die Beschreibung und, vielleicht, Analyse eines bestimmten Charakters, einer bestimmten Haltung.

„Weiß er denn, daß ich ein Heimatloser bin?“ So lautete einst Estebans Spontanreaktion, als feststand, ich sollte den Begleittext zum dritten Band des Werkverzeichnisses seiner Druckgraphik verfassen. Jetzt mag jeder den Kopf schütteln, der ihn mehr als vierzig Jahre als Bewohner von Gundernhausen, als Nachbarn womöglich auf dem Stetteritzhügel kannte. Gewiß, dem war bekanntlich eine Biographie mit häufigem Ortswechsel voraufgegangen. Von der Geburt in Cinkota bei Budapest, dort, wo die kontinentale flache Weite Eurasiens beginnt, über einen durch den Ingenieurberuf des Vaters bedingten Kindheitsaufenthalt in der Türkei zurück in die ungarische Hauptstadt. Und von da, im Alter von 23, eine Reise nach Paris, für den Mittelstreckenläufer und Mitglied einer Nationalauswahl die geschenkte Chance, unterm Eisernen Vorhang durchzuschlüpfen, der dabei war, sich über Europa zu senken. Schon 1948, ein Jahr später, sieht man ihn als Auswanderer an Bord eines Schiffes nach Argentinien, weil die Neue Welt mehr Entfaltungsmöglichkeiten verspricht als die vom Krieg zer-schmissene, von Ideologien zerrissene Alte Welt. Nebenberuflich zunächst, beginnt er dort mit der Malerei. Ebenso wichtig jedoch: er lernt Maria Alexandra Rongine kennen und heiratet die angehende Wissenschaftlerin 1950. Es folgt die Rückkehr übers große Wasser. Stipendien und Lehraufträge ziehen Maria nach Deutschland, wo Esteban, jetzt freier Künstler, sich ab 1960 einen Namen als Maler und Druckgraphiker macht. Vom Stetteritzring aus fährt Maria bald täglich zu ihrer Professur an die TH Darmstadt; im Stetteritzring richtet Esteban sich seine Kellerwerkstatt ein, von wo aus namentlich seine Farbholzschnitte ihren Weg finden in Galerien, Privatsammlungen, Institute, Museen und Auktionshäuser zumindest im gesamten deutschsprachigen Raum. Esteban Fekete gehört nicht zu den Künstlern, die es geschafft haben, sich irgendwie über Wasser zu halten. Er zählt zu den raren Exemplaren, die mit ihrer Kunst Anerkennung in jeder Hinsicht verbuchen konnten. Seine spezielle Manier, abweichend von den üblichen Graphiker-Gepflogenheiten mit Ölfarbe zu drucken und zwar mit durchschnittlich fünf, sechs Farbdurchgängen und bis in alle vier Ecken des Formats hinein, ermöglichte ihm eine Art gedruckter Malerei. Was ihn unverwechselbar machte und gewissermaßen zum Antipoden des großen HAP Grieshaber mit seinen kargeren, schrofferen Blättern. Keine schlechte Rolle, die ihm die Kunstgeschichte da zugedacht hat!

Was also soll die Phrase vom „Heimatlosen“? Das Pendeln zwischen dem Nordwestrand des Odenwalds und dem Südwestrand Irlands, wo die Feketes seit den achtziger Jahren ein Zweitdomizil unterhalten, kann damit nicht gemeint sein. Das gehört zum Status des erfolgreichen Künstlers dazu. Auch nach dem Wendejahr 1989/90 genießt Esteban es zwar, mit einer großen Retrospektivausstellung in der Nationalgalerie hoch oben auf der Burg nach Budapest zurückzukehren; an eine Übersiedlung nach Ungarn freilich hat er nie ernsthaft gedacht. Und als wollte ihm das Schicksal demonstrieren, wo „Heimat“ für ihn zu liegen hat, wird auf Betreiben des Kulturhistorischen Vereins Roßdorf 1996 ein Fekete-Kabinett mit einem Querschnitt durch sein Schaffen im dortigen Handwerks- und Heimatmuseum eingerichtet. Zeugt es da nicht von krasser Undankbarkeit, sich immer noch als den Heimatlosen hinzustellen? Wonach kann denn einer, dem die Herzen des Publikums derart zugeflogen sind – und er liebte seine Popularität –, noch Heimweh haben? Was treibt einen, der in moderner Literatur und klassischer Musik so zuhause ist, sich zum Rastlosen, zum Exoten, ja zum Barbaren zu stilisieren?

Doch so zu fragen, meine Damen und Herren, verrät nur, daß nicht wir die Künstler sind. Ist beim Künstler doch weniger als beim Träger eines bürgerlichen Berufs, sagen wir ein Lehrer oder Bankbeamter, das Leben von äußerlichen Ereignissen und Umständen definiert. Der summarische Satz in der Todesanzeige: „Er hat ein faszinierendes, an Höhen und Tiefen reiches Leben beenden dürfen“, schließt die innere Biographie mit ein. Und die kannte eben auch Durststrecken. Ich will jetzt nicht an der schon von Aristoteles begonnenen Theorie weiterstricken, gemäß der alle schöpferischen Begabungen, Philosophen wie Politiker, Schriftsteller wie bildende Künstler, in ihrem Wesensgrunde saturnische, düster-grüblerische Naturen sind, kurzum: Melancholiker. Das würde zwar zum tragischen Ende passen und es würde die überall nachlesbare Statistik ergänzen, gemäß der die Suizidrate der Ungarn weltweit mit an der Spitze steht. Aber es würde Estebans viel reichere, komplexere Persönlichkeit unnötig verstümmeln. Ich weiß nicht, ob seine mitreißende Genußfähigkeit und sein scharfer Humor als Beweis ausreichen für einen sanguinischen Zug; doch etwas von einem Choleriker hatte er zweifelsfrei. Was diesem Künstler gewiß kein Unrecht tut, ist zu sagen, daß er im Kern ein Romantiker, in seinen Themen oft auch ein schwarzer Romantiker war. Und als solcher hielt er sich, beim flüchtigen Kontakt vielleicht kaum anzumerken, mindestens ebenso nachhaltig in seiner inneren Welt auf, wo die Gesetze seiner Phantasie regierten, wie in der äußeren, die er mit uns gemein hatte. Diese tiefere Affinität, diese stärkere Loyalität müssen der Grund dafür gewesen sein, wenn er sich vor der Öffentlichkeit als der Heimatlose fühlte.

Wir wären nicht hier versammelt, ja wir hätten ihn nie kennengelernt, wäre er nicht immer-hin willens gewesen, jene innere Welt mit uns zu teilen. Jedes Gemälde, jeder Holzschnitt ist Einladung zu einer Reise nach Fekete-Land. Die Interpreten des Künstlers haben die von ihm auf Holztafeln gepinselten oder in Holzstöcke geschnittenen Szenen in ihrer bengalisch leuchtenden Farbenpracht oft zurückgeführt auf Durchtränktsein mit magyarischer oder türkischer Folkloristik, auf die Kenntnis konkreter vorderorientalischer oder südamerikanischer Landschaften. Das alles mag darin enthalten sein, aber doch eher als Reflex von Erfahrung, als Kondensat von Erinnerung. Von vornherein entwarf Esteban, autodidaktisch geschult an den Leistungen der Klassischen Moderne, seine eigene Topographie, seine eigene Anatomie, seine eigene Historie, seine eigene Atmosphäre, alles gleichermaßen originell und dem Begriff „Magischer Realismus“ eine neue Bedeutung verleihend. Er besaß, leider gerade in Darmstadt, Kollegen, die sein Schaffen pauschal als kunsthandwerklich abtaten – und ich glaube, Esteban hat sich lebenslang daran gerieben. Doch muß man für solch ungerechtes Urteil geschlagen sein mit selektiver Sehschwäche. In meinen Augen erfüllt er das entscheidende Kriterium für Kunst: er hat uns eine zuvor unbekannte, ureigene Welt eröffnet. Sein früher Galerist Wolfgang Rothe aus Heidelberg brachte das einmal treffend in die Worte: „Feketes Welt ist wie reglos, im Schlaf erstarrt. Ein Schleier des Unwirklichen ist über seine Figuren, Tiere, Landschaften, Zimmer gebreitet, aber sie sind unwirklich nur in jenem vordergründigen Sinne, mit dem die Hast unseres Alltags und das Zivilisatorische schon als das ganze [wirkliche] Leben genommen werden.“

Ich gehe noch weiter: Feketes Welt gleicht dem Paradies, freilich paradox insofern, als Traurigkeit und Tod, Friedhöfe und Vanitas-Blumensträuße, Feuersbrunst, Schiffbruch und sonstige Katastrophen aus den Paradiesesmauern nicht ausgesperrt sind. Wenn ich die Verzeichnisse der Druckgraphik chronologisch wälze, dann scheint es mir, als hätte der Tod in allerlei symbolischer Kostümierung, aber auch in Gestalt von Skeletten, Fäulnis und Verwesung zunehmend seinen Auftritt gehabt. Obschon er statt der schwarzen Kutte ein phosphoreszierend buntgewirktes Gewand bevorzugt. Wieder warne ich davor, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen. Es kann gut sein, daß mit Estebans Angstlust an der Vergänglichkeit alles Irdischen ein Stück barockes Erbe der K.-und-K.-Monarchie zum Vorschein gekommen ist. Einerseits hegte ich nie Zweifel, daß der Tod für ihn und Maria Fekete stets fest zum Horizont des Lebens gehörte. Andererseits vermutete ich oft, daß Esteban mit dem Tod – auf hohem intellektuellem und ästhetischem Niveau selbstverständlich – auch ein bißchen kokettierte. Es gab einmal eine Ausstellung aktueller Beispiele seiner Malerei, die ich eröffnete mit dem trügerisch heimeligen Satz von Paul Valéry: „Der Mensch lehnt sich an seinen Tod wie der Plauderer an den Kamin.“

Es ist ein offenes Geheimnis: Esteban kam schließlich an einen Punkt, wo die Misere des gemeinsamen Tag-für-Tag-Älterwerdens ihn schärfer brannte als der direkte Schritt ins Feuer, das in besagtem Kamin am Lodern ist. Der Schöpfer leuchtender Legenden, von Bildern, die ihr Licht nicht von außen, sondern aus sich selber heraus zu beziehen scheinen, weilt nicht länger unter uns. Wo ist er jetzt? Ich weigere mich, mich mit der Antwort abzufinden, alles, was von ihm geblieben ist, passe in diese Urne. Es gibt auf meine mehr als bloß rhetorische Frage keine konventionelle Antwort. „Weiß er denn, daß ich ein Heimatloser bin?“ Wie einfach wäre es, solches Zeugnis von Unaufgehobenheit jetzt zuzukleistern mit der seit Paulus und Augustinus im Christentum paraten Auskunft, daß wir alle Fremde auf Erden seien, temporäre Gäste nur, wie es das Kirchenlied verkündet, weil unsere wahre Heimat im Himmel zu finden ist. In unserem Fall liefe dies hinaus auf das lügnerische Gesäusel impotenten Trosts. Denn an den christlichen Himmel haben Esteban und auch Maria Fekete nie geglaubt. Was die letzten Dinge betrifft, steht ihnen näher als Augustinus und Paulus Epikur, der griechische Philosoph einer gelassenen, möglichst illusions- und leidenschaftslosen Lebensführung. Der sagte rund 300 Jahre vor Christus ganz nüchtern: „Das schauerliche Übel, der Tod, geht uns nichts an. Denn solange wir sind, ist der Tod nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr.“

Läuft das nun doch aufs Eingeständnis hinaus, daß es Estebans ganze Zukunftsperspektive war, irgendwann einmal die Asche in einer Urne zu sein? Vorsicht! Keiner Konfession anzugehören, heißt nicht, keinen Glauben zu haben. Es gab Momente, da habe ich Esteban und Maria ausgesprochen gläubig erlebt. Das war, wenn wir gemeinsam durch den Roßdorfer Wald oder durchs irische Moor gewandert sind, das war auch, überlege ich mir’s recht, wenn wir gemeinsam Bilder betrachtet, Bücher diskutiert, Musik gehört haben. Sie teilten einen überaus festen Glauben an die Natur, an die Intelligenz und Wohlgestalt der Pflanzen und Gesteine, an die Liebes- und Leidensfähigkeit der Tiere, an das immerneue Wunder der Jahreszeiten, sodann an die Schönheit des Körpers und des körperlichen Daseins, einen Glauben generell an die Schönheit, einschließlich der vom Menschen geschaffenen. Es ist – es läßt sich nicht verhehlen – ein heidnischer Glaube. Er baut auf Immanenz, Weltinnigkeit, nicht Transzendenz, Weltabkehr. Im Bannkreis dieses Glaubens ist womöglich gar Platz für eine Art Himmel – weil Künstler die Tendenz haben, sich ihren Himmel, ihre Hölle selbst zu entwerfen. Es geht da weniger um theologisch lokalisierbare Orte als um Zustände, Seelenzustände. Wie sieht der Himmel der Künstler aus? Gesättigt auf ewig hoffentlich mit dem Kobalt-, dem Pflaumen-, den Indigoblau der Farbtuben aus der verlassenen Kellerwerkstatt am Stetteritzring! Wo ist, nochmals frage ich es, Esteban Fekete jetzt? Die einzige Antwort liegt darin, sich die Szenen seiner Gemälde, seiner Zeichnungen, seiner wunderbaren Holzschnitte vor Augen zu rufen. Wie lautete noch mal das Versprechen aus der Todesanzeige: „In seinen Bildern wird er weiter leben.“

© Dr.Roland Held, Darmstadt 2009

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